Spitzkehre in Rotkreuz?

Im Dezember 2016 ist es so weit: Das Jahrhundertbauwerk Gotthard-Basistunnel (GBT) wird in den fahrplanmässigen Betrieb gehen, ein Jahr früher als ursprünglich geplant und ein paar Jahre früher als eine Zeit lang befürchtet. Erinnern Sie sich an die berüchtigte Piora-Mulde? War dann doch nur halb so schlimm, zum Glück. So blieben nämlich auch die Mehrkosten einigermassen im Rahmen.

Also Ende gut, alles gut? Nicht wirklich. Der Tunnel ist das eine, aber zur NEAT – zur «Neuen Alpentransversale» – gehören auch die Zufahrtsstrecken. Richtung Süden bis Mailand, Richtung Norden bis Zürich und Basel und weiter in die Rheinebene nördlich von Basel. Die Mehrkosten beim GBT und strategische Versäumnisse machen sich bei den Zulaufstrecken bemerkbar: Der nicht fertig gebaute Zimmerberg-Basistunnel ist das bekannteste Opfer der Finanzierungslücken, der fehlende dritte Juradurchstich das langfristig möglicherweise schmerzvollste Opfer.

Die Verlegung der grossräumigen Nord-Süd-Achse Richtung Westen – durch Luzern und einen neu zu bauenden Basistunnel bis in den Talkessel Uri hätte mehrere Probleme, an denen wir heute kauen, mit einem Schlag gelöst. Und Luzern müsste nicht wie die alte Fasnacht nun noch im letzten Moment mit dem Tiefbahnhof hausieren gehen – der wäre dort nämlich mit dabei gewesen. Und vielleicht hätten sich dann die Deutschen mit etwas mehr Energie hinter den Ausbau der Rheinstrecke gemacht. Heute ist klar, dass der grossräumige Zulauf von unserem nördlichen Nachbarn her noch länger auf sich warten lassen wird. Da hilft es nur beschränkt, dass in Basel zurzeit eine neue Bahnbrücke über den Rhein gebaut wird. Zwar wird der Flaschenhals Basel damit entschärft – aber dafür einfach nach Norden und Süden verschoben.

Im Tessin wird jetzt zwar für teures Geld der Ceneri-Basistunnel gebaut – aber in Lugano wird für viele Jahre Schluss sein mit schnellen Zugverbindungen Richtung Süden. Der Abschnitt von Lugano nach Chiasso hat es in sich, und niemand weiss heute, was in Italien passieren wird. Zwar konnte der Niedergang der Passagierzahlen zwischen dem Grossraum Zürich und dem Tessin gestoppt werden, aber Richtung Mailand sieht es düster aus. Und weder vom Rollmaterial noch vom Fahrplan her kann heute mit Sicherheit gesagt werden, wie der Nord-Süd-Verkehr dereinst genau aussehen wird. Die Bahnverbindung Zürich–Mailand ist eine Wundertüte mit unerfreulichem Inhalt. Und nun soll auch noch präzis auf die Eröffnung des Gotthard-Basistunnels hin die Bahnstrecke dem Ostufer des Zugersees entlang für zwei Jahre gesperrt werden! Die Verlängerung der bestehenden Doppelspurinsel in Walchwil auf 2,3 Kilometer Richtung Norden sei so billiger zu bauen. Abgesehen davon, dass 110 Millionen immer noch eine Stange Geld sind, so müssen für eine zweijährige Sperrung zwingende Gründe vorliegen. Die unbestrittene Substanzerhaltung der Strecke zwischen Zug und Arth-Goldau und deren Ertüchtigung für Doppelstockzüge können auch im laufenden Betrieb erfolgen.

Aber ob diese Doppelspurinsel so lang sein muss und ob sie am richtigen Ort steht, muss angesichts der oben beschriebenen Situation in Frage gestellt werden. Für die Kreuzung von Fernverkehrszügen und Stadtbahn reicht möglicherweise eine kurzer Doppelspurabschnitt beim Hörndli – im laufenden Betrieb zu bauen. Ohne Not sollten wir den Nord-Süd-Bahnreisenden die mühsame Spitzkehre in Rotkreuz mit langer Wartezeit nicht zumuten – auch nicht für «nur» zwei Jahre. Sonst ist die Freude über die Eröffnung des Gotthard-Basistunnels völlig dahin.

Martin Stuber, Kantonsrat, Zug

[Der Beitrag erschien in der Rubrik «ZUGER ANSICHTEN» der Neuen Zuger Zeitung am 10. Dezember 2011]

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